2008
Künstlerhaus Bremen
temporäre Installation mit Marina Steinacker und Susanne Katharina Willand
Gerüst, Farbdrucke, Fenster, Tapete, Lampe
3m x 7m x 4m
Zu den Tagen der offenen Tür im Künstlerhaus Bremen 2008 entwickelte ich mit Marina Steinacker und Susanne Katharina Willand die Arbeit Hinterstübchen für mein Atelier, eine temporäre raumbezogene Installation.
Öffnet man die Ateliertür steht man unwillkürlich vor einer unüberschaubaren Felswand. Diese künstliche Felswand ist durch die gesamte Länge des Ateliers gezogen. Zwischen der Raumwand und der künstlichen Felswand ist für den Betrachter nur wenig Platz. Folgt er der Länge des Raums entdeckt er ein in den Felsen eingelassenes altes Holzfenster. Dieses gibt den Blick in ein dahinter liegenden beleuchteten Gang frei. Mehrere Schichten von Tapete sind an Decke, Wänden und Boden angebracht. Der Gang selbst zweigt am Ende links ab und führt in einen nicht einsehbaren beleuchteten Raum.
Patricia Lambertus, Marina Steinacker und Susanne Katharina Willand: Hinterstübchen
Der Besucher geht in das Atelier und begegnet monumentaler Natur. Die Bergkulisse bedrängt den Betrachter, lässt kaum Platz für Bewegungen, keinen Abstand für den Panoramablick. Die deutlichen Risse in der Collage demonstrieren das Gestückelte, es wird erst gar nicht der Versuch unternommen, hier Illusion und Einheit zu erzeugen.
Das Fenster verkehrt innen und außen um. Nicht der wie gewohnt reproduzierte Blick aus dem Fenster auf eine Bergkulisse findet sich hier, sondern die Verschränkung von Innen und Außen, das Blick aus dem Fenster wird selbst zum Thema der Betrachtung.
Patricia Lambertus hat sich mit Marina Steinacker und Susanne Willand zwei Künstlerinnen in ihr Atelier eingeladen, die ihrem eigenen Thema einen weiteren Raum hinzufügen. Während Patricia Lambertus sich mit Häusern, Straßen, Stadt, also im weitesten Sinne mit Architektur und Urbanität befasst, kreisen die Arbeiten der Kolleginnen um das Thema „Natur“. Allen dreien gemeinsam ist ein Verständnis von Architektur und Natur als einer brüchigen, illusionsbeladenen Konstruktion. Bei beiden Positionen, häusliche Lebenswelt hier, Naturraum dort, offenbaren sich das Erfundene und Gefundene, das Gemachte und Geplante hinter der Fiktion von Geschlossenheit, führt die fragmentierte Oberfläche zum thematischen Kern.
Die Künstlerinnen haben mit dieser temporären Installation, die den schönen Namen „Hinterstübchen“ trägt, anlässlich eines Hausbesuchs zum künstlerischen Gipfel ein ortsbezogenes Überraschungsmoment ins Atelier gepflanzt. Die Arbeit vereinigt aber auch in einer sehr anschaulichen Synthese die wesentlichen Themen und Motive ihrer Arbeit.
Patricia Lambertus zeigt in ihren Arbeiten die Reibungen und Reibungsverluste im baulichen Streben nach Einheit und Identität. Tapetenmuster auf Außenfassaden veranschaulichen den Stilmix in der Stadtentwicklung, Tapeten hier in dieser Installation veranschaulichen die Probleme, einen Raum als Einheit oder gar Spiegel eines persönlichen Gestaltungsplanes zu entwerfen. Häufig verwendet die Künstlerin Acrylglas als Bildträger, was der Komposition in Form von Durchblicken oder Schattenwürfen eine zweite, hintergründige Ebene verleiht. Ornament könnte hier tatsächlich mit Verbrechen assoziiert werden. Die Muster bei der Möblierung des Wohnens zeigen die Hilflosigkeit, einen Raum mit Stil und Haltung zu erobern und identitätstiftend auszustatten. Der Innenraum wird zum Spiegel eines heillosen Konglomerats aus Zeitgeschmack, persönlichem Stilgepäck und Klischees.
Marina Steinacker und Susanne Willand holen die Natur ins Atelier, gehen aber auch mit Naturfotografien an die Ursprungsorte der Aufnahmen zurück. Um den Wirklichkeitsgehalt der Abbilder zu überprüfen, um die Illusion zu veranschaulichen. Die Künstlerinnen animieren in ihren Arbeiten zu Fernblicken, nehmen selbst Beobachtungsposten ein oder verfremden Ortsansichten mit künstlichen Kulissenelementen. In einem bekannten Projekt haben sie den Weg vom Abbild auf Ansichtskarten zum realen Ort zurückverfolgt. Mit Brettern in Hügel- und Bergform lassen sie natürliche Landschaft zur Kulisse werden und thematisieren damit die Konstruktion des Landschaftsbildes zwischen Ansicht und Klischee.